Wasserknappheit – Water Scarcity

Wasserknappheit – Sicherheitsrisiko von morgen?

In der Dritten Welt nutzt die Landwirtschaft achtzig Prozent des verfügbaren Wassers, um den Hunger der wachsenden Bevölkerung zu bekämpfen – und die Not wird größer. Doch was geschieht, wenn die Wasserquellen versiegen?

Um Wasser wird man noch Kriege austragen – das prophezeiten Politiker wie der verstorbene König Hussein von Jordanien oder der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali schon vor Jahrzehnten. „Wasserknappheit ist dazu geeignet, Unruhen zu schüren“, warnt auch ein Bericht der Europäischen Union aus dem Jahr 2008, „besonders in Regionen mit starkem Bevölkerungsdruck“.

Steigender Wasserverbrauch, Bevölkerungswachstum und Erderwärmung tragen zur kontinuierlichen Verknappung der Ressource bei. Doch der Zugang zu Wasser bestimmt die Entwicklung eines Landes. Es ist wichtig für Industrie und Landwirtschaft und bestimmt gesellschaftliche Lebensstandards. Fehlende Süßwasservorräte führen so nicht nur zu innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen, sondern auch zu internationalen Konflikten.

Welche Rolle spielt Wasser in der internationalen Politik?

Wasser wird mit fortschreitendem Klimawandel und Bevölkerungswachstum immer knapper. Zwar ist ein „Wasserkrieg“ zwischen zwei oder mehr Staaten schon aus wirtschaftlichen Gründen unwahrscheinlich: Es ist weitaus günstiger, Wasser zu kaufen oder selbst zu erzeugen, als in den Krieg zu ziehen. Doch wo Wasser so knapp ist, dass das Überleben gefährdet ist, wo wirtschaftliche, private und politische Interessen kollidieren und wo Lebensräume durch Verschmutzung und Übernutzung zerstört werden, drohen durchaus gewaltträchtige Konflikte. Kooperatives Wassermanagement und rechtliche Verregelung sind der beste Schutz vor solchen Konflikten. Das setzt allerdings den Willen zur Kooperation und das Zurückstellen eigener Interessen voraus. Im Jordanbecken beispielsweise ist eigentlich genug Wasser für Haushalte und leichte Industrie in allen Anrainerstaaten vorhanden. Es sind politisch-ideologische Vorbehalte, die verhindern, dass die vorhandenen Wasserressourcen entsprechend bewirtschaftet werden.


Wie sieht diese Politik derzeit aus?

Die internationale Politik beschäftigt sich mit Wasser unter anderem in den so genannten „Millenium Development Goals“ – festgelegten gemeinsamen Zielen der UN, UNESCO und Weltbank zur globalen Zukunftssicherung -, sowie im Völkerrecht. Es kann keine Rede davon sein, dass es zu allen Fragen des globalen Wassermanagements internationale Regeln gäbe. So existieren etwa überhaupt keine völkerrechtlichen Regelungen zu Grundwasserressourcen.


Welche Rolle werden die afrikanischen Staaten in der zukünftigen Wasser-Politik spielen?

In Afrika existieren einige der schwersten Wasserkonflikte, die immer wieder auch Todesopfer fordern – beispielsweise in Kenia. Gleichzeitig sind hier einige der wichtigsten und vielversprechendsten multilateralen Wassermanagementstrukturen entstanden – am Nil und im südlichen Afrika. Die afrikanischen Staaten erleben täglich, welche verheerenden Folgen Wassermangel und qualitativ minderwertiges Wasser auf ihre Bevölkerung haben können, und stellen deshalb oftmals die lautesten Forderungen nach Veränderungen in diesem Sektor. Bisher jedoch ohne größere Erfolge. Die globale Umweltpolitik wird leider immer noch durch zwei Faktoren gebremst: Erstens scheint die Dringlichkeit des Problems noch nicht in allen Köpfen angekommen zu sein. Es gibt zwar die Möglichkeit der Entsalzung, also der künstlichen Wassererzeugung, aber dafür bedarf es großer finanzieller Ressourcen. Außerdem wird die Frage der (Verteilungs-) Gerechtigkeit, die den Kern praktisch aller langwierigen Wasserkonflikte ausmacht, dabei nicht behandelt. Und zweitens ist immer noch die Ansicht weit verbreitet, man könne das “Wasserproblem” an hoch spezialisierte Experten weitergeben und auf diese Weise lösen. Technische Zusammenarbeit ist zweifelsohne wichtig; doch nur Vorgaben aus der “großen Politik” werden internationale Konflikte um Wasser nachhaltig lösen können.


Welche internationalen Gebiete könnten zukünftig von Konflikteskalationen betroffen sein?

Besonders hoch ist das Konfliktrisiko dort, wo Wasserknappheit und politische Konflikte zusammentreffen. Zum Beispiel im südlichen Afrika, wo gewaltträchtige nationale und internationale Konflikte die Regel sind und große Teile der Bevölkerung bereits unter Wasserknappheit leiden. Sieben der 15 Wasserläufe im subsaharischen Afrika werden von der UN als „in Gefahr“ eingestuft. Eine Eskalation der Knappheitssituation in den nächsten fünf bis zehn Jahren gilt als wahrscheinlich. Gleichzeitig existiert hier aber einer der umfangreichsten multilateralen Regelungsmechanismen, so dass ein „Wasserkrieg“ trotzdem unwahrscheinlich ist. Oft genannte Dauerbrenner sind außerdem der Jordan, der Nil, der Indus, das Euphrat-Tigris-Becken. Diese Flussbecken sind von politischen Konflikten und Spannungen geprägt, was sich immer wieder auch auf die Wasserfrage auswirkt, wie etwa im Streit zwischen Israel und Syrien um die Golanhöhen. Gleichzeitig ist Wasser hier oftmals der einzige Streitpunkt, bei dem rechtliche Abkommen auch massive politische Differenzen überdauern – etwa der Vertrag über den Indus zwischen Indien und Pakistan.

Konfliktpotential herrscht außerdem dort, wo die wirtschaftliche Nutzung von Wasser mit der Grundversorgung der Bevölkerung oder Ansprüchen anderer Anrainer kollidiert. Groß angelegte Dammprojekte wie das GAP-Projekt der Türkei spiegeln diese Spannung wider.


Sind Wasser-Konflikte auch in Europa wahrscheinlich?

Ich halte Wasserkonflikte in Europa für sehr unwahrscheinlich. Die EU funktioniert als politischer Regelungs- und Kontrollmechanismus trotz aller Probleme gut genug, um so etwas zu verhindern. Diskussionen zwischen Deutschland und seinen Nachbarstaaten, als es um die Verschmutzung von Oder, Elbe, Donau, aber auch vom Rhein und der Nord- und Ostsee geht und ging, werden und wurden allesamt rein politisch gelöst – ohne größere Auseinandersetzungen.


Welche Rolle kann Deutschland in der zukünftigen Wasserpolitik spielen?

Wir können technisches Wissen liefern und das tun wir auch seit längerer Zeit. Deutschland könnte außerdem eine Vorreiterrolle in der Klima- und Umweltpolitik spielen, indem es ein generelles Umdenken in der Politik propagiert – weg vom Wachstumsparadigma hin zu einem bewussten und vorsichtigeren Umgang mit der Natur. Doch die Bundesrepublik und ihre Regierung ist noch weit davon entfernt, dieses Potenzial auszuschöpfen.


Welche Rolle wird Wasser in 25 Jahren spielen?

Wasser wird immer die Ressource sein, die das Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht. Sie wird deshalb immer anfällig für Politisierungen sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass Wasser sowohl als Beschleuniger für Kooperationen sowie auch für Konflikte wirken kann. Wasser wird kontinuierlich knapper werden. Gleichzeitig wird sich auch der Umgang mit der Ressource verändern. Es wird immer wieder zu Konflikten um Wasser kommen, vor allem auf substaatlicher Ebene – etwa, wenn Nomaden und Bauern um die gleiche Wasserquelle konkurrieren. Gleichzeitig wird Wasser Kooperationen begünstigen. Auch zwischen politisch verfeindeten Parteien, da der existentielle, unersetzliche Charakter der Ressource politische Differenzen überschreiten kann.

© Christiane J. Fröhlich 2009-2011